Auf Krankenschein ins Bürgermeisteramt

Von: Stephan Grafen
Veröffentlich am: 17. April 2026

Warum widersprüchliche Botschaften fatal sind in der Krisenkommunikation

Ein gutes Praxis-Beispiel für die fatale Wirkung widersprüchlicher Botschaften in der Krisenkommunikation liefert diese Woche die Berliner SPD: Im Kern geht es um die Kandidatur eines SPD-Mitglieds, welches bereits längere Zeit krankgeschrieben ist, gleichzeitig aber für das kommunales Spitzenamt der Bezirksbürgermeiseterin kandidiert. Das kommunikative Risiko für die Berliner SPD geht von dem Framing aus: „Dienstunfähig, aber fit genug für Bürgermeister-Wahlkampf (BILD, 08.04.2026), und dass sich die Berliner SPD-Verantwortlichen getäuscht fühlen (BILD, 10.04.2026). Und statt den „Vorgang“ unter Kontrolle zu haben bzw. zu bringen, gibt es höchst widersprüchliche Angaben zu Angaben und Kenntnisstand in Bezug auf die gesundheitlichen Umstände. Wenn dann noch zwei unterschiedliche Sichtweisen auf die angeblich vereinbarte Krisenbewältigungsmaßnahme (Verzicht auf Kandidatur, u.a. Tagesspiegel, hinter der Bezahlschranke) in der Öffentlichkeit kursieren, ist die Krisenkommunikation wirkungslos.

Die Fakten, soweit sie bisher bekannt sind:

Uta Francisco dos Santos wurde im November 2025 aufgestellt als Spitzenkandidatin für das Amt der Bezirksbürgermeisterin für den Bezirk Mitte. Als Mitarbeiterin im politischen Leitungsstab der Berliner Finanzverwaltung war sie lt. verschiedener Medienberichten seit Sommer 2024 überwiegend krankgeschrieben bzw. dienstunfähig. Weder dieser Umstand noch die Hintergründe für Krankheit und Krankschreibung gehören in die Öffentlichkeit, wenn es nicht parallel dazu das politische Engagement im Wahlkampf geben würde. Für die Kandidatin kein Widerspruch, sondern Teil der Therapie: Franscisco do Santos lässt über ihren Anwalt ausrichten, dieses Engagement habe ihrer Genesung nicht widersprochen, sondern sogar dazu beigetragen. Außerdem ende ihre Krankschreibung und sie gehe jetzt in Elternzeit.

Die hiesige SPD ist mit dieser Situation sehr unzufrieden und fürchtet einen erheblichen imageschaden, der Wirkung haben kann bis hinauf zum Spitzenkandidaten Steffen Krach; deshalb solle sie ihre Kandidatur zurückziehen.

An dieser Stelle wird es unübersichtlich: Während die Partei kommuniziert, dass sich dos Santos zurückziehen wolle, will sie eigenen Angaben nach weiter machen und unterstellt dem politischen Gegner, eine „Intrige“ losgetreten zu haben.

Die kommunikativen Risiken

Der Fall ist kommunikativ riskant, weil er sofort in eine leicht verständliche moralische Erzählung übersetzt werden kann: „für den Job zu krank, aber für den Wahlkampf fit“. Solche Kontrastbilder sind für Medien und soziale Netzwerke extrem „anschlussfähig“ bzw. wieder Stoff liefern für die nächste Empörungswelle. Selbst wenn medizinisch oder arbeitsrechtlich differenzierter zu argumentieren wäre, bleibt der öffentliche Eindruck für die SPD hochgefährlich, weil er auf Glaubwürdigkeit und persönliche Integrität zielt. (u.a.Tagesspiegel)

Ein zweites zentrales Risiko liegt in der Organisations- und Führungsverantwortung der SPD Mitte. Die Partei argumentiert, sie habe von der Krankschreibung bzw. Dienstunfähigkeit erst durch die Medien erfahren – damit öffnet sich die Krise von einer individuellen Personalie auf die Organisation. Es geht dann nicht mehr nur um dos Santos, sondern um die Frage, ob die Partei ihre Kandidatinnen und Kandidaten ausreichend prüft, interne Informationen sauber verarbeitet und potentielle Risiken früh erkennt (WELT, 10.04.2026).

Hinzu kommt ein drittes Risiko: widersprüchliche Signale. Medien berichteten zeitweise, dos Santos habe einem Rückzug zugestimmt; dann hieß es, dass sie ihre Kandidatur doch nicht einfach aufgeben wolle oder sich zunächst nicht äußere. Solche Brüche in der Kommunikation erzeugen schnell den Eindruck von Chaos, Machtkampf und improvisierter Schadensbegrenzung. In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist das oft fast so schädlich wie der Auslöser selbst.

Der Schutz von Privatsphäre und das Transparenzgebot

Besonders heikel ist grundsätzlich der Umgang mit Eingriffen in die Privatsphäre, insbesondere bei Krankheit(en). Presseethisch lässt sich ein solcher Eingriff in die Privatsphäre begründen damit, dass hier ein konkreter Bezug zu einem öffentlichkeitswirksamen Engagement besteht. Nach den Regeln des Pressekodex ist eine Berichterstattung im öffentlichen Interesse und damit statthaft, das aber in engen Grenzen und mit strikter Verhältnismäßigkeit, besonders in Bezug auf persönliche Details.

Die SPD muss diesen Fall als Transparenz- und Verfahrensproblem kommunizieren, ohne den Eindruck zu erzeugen, psychische oder längere Erkrankungen würden die Bewerberin/den Bewerber pauschal politisch oder moralisch disqualifizieren. Gelingt diese Trennung nicht, droht ein doppelter Schaden: Einerseits der Vorwurf der Intransparenz, andererseits der Vorwurf der Stigmatisierung.

Schließlich besteht ein Ansteckungsrisiko für den gesamten SPD-Wahlkampf in Berlin. Der Tagesspiegel beschreibt ausdrücklich, dass die Personalie rasch erledigt werden sollte („abräumen“), um Spitzenkandidat Steffen Krach nicht zusätzlich zu belasten. Damit ist der Fall nicht nur ein Problem der SPD Mitte, sondern ein Test für Krisensteuerung, Personalprüfung und Disziplin der Berliner SPD insgesamt.

Fazit: Wäre positiv lösbar gewesen bei widerspruchsfreier Kommunikation

Kommunikativ gefährlich ist der Fall, weil er gleichzeitig Fragen nach Integrität, Transparenz, interner Kontrolle und konsistenter Krisenkommunikation aufwirft. Für die SPD ist er deshalb nur „positiv auflösbar“, wenn alle beteiligten Parten mit einer Sprache sprechen und zentrale Botschaften gleichlautend gesendet werden – das aber ist hier nicht gelungen: Allein die Widersprüche dazu, ob der Fakt der Kranschreibung bekannt war oder nicht, ob dos Santos zurückzieht oder „weiterkämpft“ erzeugen ein chaotisches Bild und signalisieren Kontrollverlust.