Ein vermeidbarer Doppelfehler
Von: Stephan Grafen
Veröffentlich am: 23. März 2026
Warum Halbwahrheiten in der Krisenkommunikation gefährlich sind
Kai Wegners Problem beim Berliner Stromausfall Anfang Januar 2026 war nie bloß die Tatsache, dass er ein Stündchen Tennis gespielt hat. Es ist meiner Meinung nach nicht besonders klug, angesichts des Stromausfalls an diesem Samstag, 3. Januar, und der sich abzeichnend „herausfordernden Lage“ mittags am Court aufzuschlagen statt bei den Krisenstäben, es ist sogar ausgesprochen dumm! Der wirkliche Schaden entstand danach: Als der Regierende Bürgermeister sein eigenes Krisenhandeln so schilderte, als ob er von Beginn an Drehund Angelpunkt des Krisenmanagements gewesen sei, diese Darstellung aber mit wenig später bekannt gewordenen Fakten nicht mehr sauber zusammenpasste. Richtig ist, dass Details durcheinandergeraten können, dass zeitliche Abläufe oder Zusammenhänge minimal anders erinnert werden – alles nicht optimal, aber verzeihlich. Wenn die staunende Öffentlichkeit aber durch hartnäckige Medienrecherche erfahren, dass Wort und Tat offenbar aufgebauscht wurden und Tatsachen die Erzählung widerlegen, dann geht sehr schnell Vertrauen verloren und Vertrauen ist in der Krisenkommunikation ein sehr entscheidender Faktor. (Quelle: Der Tagesspiegel (Berlin) vom 17.3.26, aufgerufen am 22.03.26)
Wie Medienrecherchen den Scheinriesen verzwergen
Die öffentliche Erzählung Kai Wegners begann groß: Er sei, so liest man im Tagesspiegel, am Krisentag „den ganzen Tag zu Hause“ gewesen, habe viel telefoniert und sich in seinem heimischen Büro „eingesperrt“. Später bekräftigte er, er sei schon am Morgen, „um 8.07 Uhr“ oder „um „8.03 Uhr“, in die Koordination eingebunden gewesen. Offenbar wollte er den Eindruck erwecken, dass er als Regierungschef vom ersten Moment an im Krisenmodus tätig gewesen sei. Aus der Distanz betrachtet: ein Riese.
Indes, die erste Korrektur erfolgte sehr bald: Der Tagesspiegel berichtete, dass Wegner am 3. Januar zur Mittagszeit sein Homeoffice verließ, um mit seiner Partnerin Tennis zu spielen. Damit war die frühere Darstellung, er habe sich den ganzen Tag eingeschlossen, nicht mehr haltbar; Kai Wegners Krisentag hat sich also anders zugetragen, als es zunächst von ihm erzählt worden ist. Und, als Einwurf von der Seitenlinie (ok, beim Tennis gibt es keine Seitenlinie...): Wenn man als Krisenmanager bereits nach rd. 4 Stunden Krisenmanagement eine Stunde Pause brauche, um „den Kopf frei zu kriegen“ (Wegner zur Begründung für den Break auf dem Tennisplatz), sollte man seine Eignung für diese Aufgabe kritisch hinterfragen. Vor allem, dass er diesen öffentlichen Ausflug zunächst verschwieg und erst später einräumte, war ein gravierender kommunikativer Fehler.
Noch gravierender wurde es, als auch der Umfang und die Intensität der Telefonate am ersten Krisentag brüchig wurde: Nach einer weiteren Tagesspiegel-Recherche, gestützt auf Antworten der Berliner Senatskanzlei, soll es die von Wegner später angeführten Kontakte mit dem Bundeskanzleramt und Bundesinnenministerium am Vormittag gerade nicht gegeben haben. Der betroffene Netzbetreiber, Stromnetz Berlin, teilte der Deutschen Presse-Agentur (dpa) zudem mit, dokumentiert sei am 3. Januar lediglich ein Telefonat um 22.37 Uhr; weitere Gespräche seien dort nicht verzeichnet. Wenn sich der Regierende Bürgermeister erst so spät beim zentralen Netz-Akteur meldet, dann ist entweder das aktuelle Krisenmanagement sehr gut und es braucht keinen direkten Kontakt, oder es ist etwas extrem schiefgelaufen. Wegner hält die Schlussfolgerung des Tagesspiegels in Bezug auf seine eher übersichtlichen Krisen-Kommunikations-Aktivitäten für falsch: „Die Interpretation des Tagesspiegels entbehrt jeglicher Grundlage. Ich prüfe rechtliche Konsequenzen.“ Was an der Berichterstattung konkret falsch sein soll, erläuterte er aber trotz Nachfragen nicht.
Empörung hilft bei harten Fakten kein Stück weiter
Damit war der kommunikative Kipppunkt erreicht. Denn wer eine präzise Recherche auf Basis u.a. von Auskünften aus dem eigenen Haus nicht mit stichhaltigen Fakten beantwortet, sondern mit Empörung über die Berichterstattung reagiert, verschiebt die Debatte nur scheinbar. „Die Interpretation entbehrt jeglicher Grundlage“ ist kein Ersatz für eine belastbare Rekonstruktion des eigenen Handelns. Es ist ein Ausweichsatz und spornt Journalisten vor allem dazu an, noch tiefer zu graben – in meiner journalistischen Laufbahn war ich immer dann besonders aufmerksam, wenn mir Abscheu und Empörung ob meiner Recherche entgegenschlug. Und „Ich prüfe rechtliche Konsequenzen!“ ist so Art von Drohung, bei der wirklich niemand auch nur den Ansatz einer Sorgenfalte ausbilden sollte.
Die klassische Strategie „attack the accuser“ ist hier (kommunikations-)politisch unklug: Diese Strategie kann funktionieren, wenn ein Vorwurf offensichtlich unfair, spekulativ oder sachlich dünn ist, dann kann die Diskreditierung des Angreifers den Absender schwächen. Ich persönlich halte von dieser Vorgehensweise grundsätzlich gar nichts, sie wird aber immer wieder angewendet. Im Fall Wegner aber zielen seine Kritik und seine Attacke auf rekonstruierbare Tatsachenbehauptungen ab: Auf seine eigenen vorherigen Aussagen, auf offizielle Auskünfte der Senatskanzlei und auf überprüfbare Widersprüche in der Chronologie. Wer in so einer Lage die Arbeit von Journalisten in Abrede stellt, verstärkt den Eindruck, keine belastbaren Antworten zu haben.
Wenn es scheibchenweise immer schlimmer wird
Der nächste Widerspruch verschärfte genau diesen Eindruck. Auf eine parlamentarische Anfrage hatte die Senatskanzlei erklärt, Wegner habe am 3. Januar auch mit der Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, Maren Schellenberg, im Austausch gestanden. Die daraufhin angesprochene Bürgermeisterin widersprach später ausdrücklich: Es habe an diesem Samstag weder telefonisch noch per SMS irgendeinen Kontakt mit Wegner gegeben. Ein solche eindeutige Korrektur von Dichtung zur Wahrheit ist krisenkommunikationstechnisch ein weiteres Mal fatal.
Wir sprechen hier also schon längst nicht mehr von ungenauen Erinnerungen, sondern von einem fatalen Muster, in dem offizielle Darstellung und nachträgliche Überprüfung auseinanderlaufen. Problematisch an dieser weiteren Erkenntnis ist vor allem, dass es die Berichterstattung weiter „am köcheln“ hält. Nichts ist schlimmer in der Krise, als immer wieder neu auftauchende Bruchstücke und Faktensplitter, die das eigentliche Thema wieder über die Wahrnehmungsschwelle hieven und weitere Zweifel an der Glaubwürdigkeit säen.
Scheitern in der Krise und wie man es verhindern kann
Man scheitert in einer Krise nicht an einem falschen Bild, an einem unglücklich formulierten Satz, an einem Versäumnis, auch nicht an kleinen Fehlern oder Fehlentscheidungen. Man scheitert, so unsere Erfahrung aus unserer Praxis, wenn man die „5-e“ der Krisenkommunikation nicht beachtet, nicht beherrscht.
Unser Rat für eine wirksame Krisenkommunikation ist die konsequente Anwendung des 5-„e“-Prinzips. Kommunikation in der Krise sollte diese Kriterien erfüllen:
eindeutig – Interpretationen und Missverständnisse bestmöglich vermeiden
einheitlich – alle Zielgruppen erhalten identische Botschaften; sie mögen in der Detailtiefe je Zielgruppe unterschiedlich sein, aber sie alle basieren auf demselben Kern
ereignisnah – möglichst rasch nach dem Ereigniseintritt mit Kommunikation beginnen
ehrlich – niemals lügen. Niemals! Und nein, es gibt keine Ausnahmen!
emphatisch – erklärt sich von selbst, oder?
Wie es besser geht
Wir hätten – aus der Ferne betrachtet und mit einer gewissen Unschärfe aus der Distanz – in einer vergleichbaren Situation zu maximaler Ehrlichkeit geraten. Vor allem hätten wir empfohlen, das eigene Verhalten auf eine Fehleinschätzung zu Beginn des Stromausfalls und ein temporäres Unterschätzen der möglichen Lageentwicklung zurückzuführen. Und wir hätten kommuniziert, welche persönlichen Schlüsse man aus dem Umgang mit dem Krisenereignis gezogen hat bzw. was man künftig anders oder besser machen wolle.
Scheitern fühlt sich immer schlecht an, aber es gehört dazu. Nichts aus dem eigenen Scheitern zu lernen, ist viel schlimmer: Es ist Versagen.