Vom Befreiungsschlag ins Kommunikationsdesaster in 3, 2, 1
Von: Stephan Grafen
Veröffentlich am: 01. Mai 2026
Es gibt diese Sekunde, in der man weiß: Das geht jetzt nach hinten los.
Das Kommunikationsteam um Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat diese Sekunde jüngst erlebt, im Spiegel-Wortinterview (Ausgabe 29.4.26/Bezahlschranke). Merz lässt sich zu einem Satz hinreißen, der in den Tagen nach dem Interview alles andere überlagern werden wird. Es ging um einen Vergleich zwischen der „Basta“-Kommunikation des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) und der Frage, welches Risiko Merz bereit sei einzugehen, um die von ihm als richtig angesehenen Reformen gegen Widerstände durchzusetzen: „(...) Schröder hatte mit hartem Widerstand zu kämpfen, aber er wurde nicht so angefeindet, wie ich angefeindet werde. Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Ich beschwere mich nicht darüber, aber so ist es."
Das war´s!
Statt kommunikativ in Führung zu gehen, macht Merz genau das, was er zu verneinen versucht: Er beschwert sich, und das mit einer sachlich fragwürdigen Behauptung und kommunikativ höchst ungeschickten Wendung.
Sachlich falsch ist seine Aussage deshalb, weil auch seine Amtsvorgänger(in) übelste Gosse aushalten mussten: Es sei nur an Angela Merkel (CDU) erinnert, für die das Internet Galgen bereit hielt oder ihr Konterfei verfremdete, wahlweise in Nazi-Uniform oder KZ-Häftlingskleidung. Oder an Willy Brand (SPD), der sich in der Debatte um die Ostverträge als „Volksverräter“ beschimpfen lassen musste. Die Liste ließe sich fortsetzen.
Kommunikativ höchst ungeschickt ist diese Aussage deshalb, weil sie defensiv ist und Wehleidigkeit signalisiert. Merz hätte völlig gerechtfertigt die Verrohung im digitalen Raum anprangern und für sich und alle anderen, die sich politisch engagieren, Respekt für die Arbeit einfordern können. Er hätte – wie andere auch – darauf bestehen dürfen, nicht jedermanns digitales Freiwild zu sein. Vor allem aber hätte er kommunikativ in Führung gehen müssen, in dem er z.B. seine Reformagenda mit seiner persönlichen Risikobereitschaft ins Verhältnis gesetzt hätte.
Das Echo in den Medien und den sozialen Netzwerken ist weitgehend verheerend und vernichtend. Der Berliner Tagesspiegel ist noch einigermaßen gnädig, steht aber stellvertretend für viele ähnliche Bewertungen (“Liebt mich doch!”).
Etwas ungehört machen und von der Grenze der Autorisierung
Stellt sich die Frage: Was tun in einem solchen Moment? Kann man einen solchen Satz zurückziehen, eine solche Aussage ungesprochen und ungehört machen?
Es gäbe meiner Meinung nach exakt eine Möglichkeit, aber man ist vom good will der Redaktion abhängig: Merz´ Presseleute hätten versuchen können, diese Sätze sofort als „unter drei“ zu klassifizieren. Mit „unter drei“ können in Pressegesprächen Informationen als „vertraulich“ gekennzeichnet werden, so dass sie nicht öffentlich verwertbar sind. Infos „unter 3“ zu geben, dient in aller Regel dazu, größere oder schwierige Zusammenhänge zu verdeutlichen, die aber nicht (in der Form oder zu dieser Zeit) öffentlich werden sollen, aber zur Einordnung bzw. Bewertung damit einhergehender Umstände wichtig sind. In einem Wortinterview ist das grundsätzlich schwierig, weil das Interview ja vom Grunde her zur Veröffentlichung gedacht ist. Aber es wäre ein Versuch wert gewesen, diese Aussage „zu kassieren“; und auch die einzige Möglichkeit, soweit das aus der Ferne zu beurteilen ist.
Die bei Wort-Interviews häufig praktizierte „Autorisierung“, also die Freigabe der Mitschrift durch den Interviewten, hat dagegen klar gesteckte Grenzen: So können beispielsweise offensichtliche Fehler wie falsche oder missverständliche Zahlen berichtigt werden oder etc.) korrigiert werden; auch ist in Grenzen eine andere Reihung von Fragen und Antworten durchaus machbar, wenn das Interview dadurch besser lesbar wird. Aber wesentliche inhaltliche Änderungen des Gesagten sind nicht (mehr) möglich. Im Pressekodex des Deutschen Presserats heißt es in Richtlinie 2.4.: „Ein Wortlautinterview ist auf jeden Fall journalistisch korrekt, wenn es das Gesagte richtig wiedergibt.“
Die eigentliche Frage aber kann aus der Entfernung nicht befriedigend beantwortet werden: Warum sagt ein Friedrich Merz in einem strategisch so wichtigen Interview mit einem der führenden Medien dieses Landes einen solchen Satz, der ihn als gekränkt, vergleichsblind, selbstbezogen und wehleidig erscheinen lässt? Vielleicht ist das seine Sicht auf die Dinge, und dann haben wir nicht nur ein Problem bei der fehlenden kommunikativen Führung.